Ein junger Bitcoin-Millionär sorgt mit dem „Freedom Phone“ für Aufmerksamkeit – aber was steckt eigentlich hinter der Fassade?

Mit zwölf Jahren investierte Erik Finman 1.000 Dollar in Bitcoin, als sie noch zwölf Dollar das Stück kosteten – zehn Jahre später hat er einen Schulabbruch in der Tasche und nennt sich „der jüngste Bitcoin-Millionär der Welt“. Doch er hat auch Geschäftsideen. Am Mittwoch hat er das „Freedom Phone“ für 499 Dollar vorgestellt und richtet sich explizit an US-Patrioten, die ihre Redefreiheit vermeintlich bedroht sehen. Dafür sind Apps wie das rechte Social Network Parler (das tatsächlich aus Play Store und App Store entfernt wurde), der Messenger Telegram oder die trackingfreie Suchmaschine Duck Duck Go vorinstalliert. (Mehr über Erik Finman gibt es übrigens in einem Interview bei Business Insider aus dem März 2020 zu lesen.)

Freedom Phone: Jetzt kaufen, nicht informieren

Abgesehen von einem knapp dreiminütigen Video, das Finman auf Twitter geteilt und mit Buzzwords wie „Uncensorable App Store“ oder „Privacy Features“ garniert hat, gibt es eine ziemlich rudimentäre Website mit so gut wie überhaupt keinen Infos über die technischen Daten des Smartphones. Wie Ron Amadeo von Ars Technica korrekt anmerkt, leitet jeder Button auf der Website zum Shop weiter, anstatt mehr Informationen preiszugeben. Ich habe übrigens mal nachgezählt. Nicht weniger als zehn Buttons auf der Startseite leiten den Kaufprozess ein.

Quelle: Screenshot

Keine Angaben zu technischen Daten

Während man ziemlich sicher davon ausgehen kann, dass Finman einfach nur ein Whitelabel-Produkt aus China eingekauft hat, ist man mit Auskunft über die verbaute Hardware ziemlich sparsam. Klar, dermaßen ins Detail zu gehen, wie man es in Techblogs wie unserem liest, ist für den Normalverbraucher selten relevant. Ein paar mehr Infos hätte man sich aber dann doch gewünscht, bevor man den nicht gerade schmalen Kaufpreis investiert. Die einzige Angabe, die sich auf der Webseite findet: Das Display ist 6 Zoll groß. Auflösung? Fehlanzeige. Ein Render verrät außerdem, dass offenbar zwei Nano-SIMs sowie eine microSD eingelegt werden können. Selbst wenn man sich durch das Werbevideo gequält hat, erfährt man nicht mehr, als dass es einen „super-fast processor“ und „multiple cameras“ besitzen soll.

Bild: Freedom Phone

Lineage-OS-Fork möglicherweise vier Jahre alt

Im Grunde ist die Idee von Finman gar nicht mal so schlecht. Sobald man Besitzer eines herkömmlichen Smartphones ist und es im vollen Umfang nutzen möchte, bezahlt man die großen Tech-Unternehmen mit persönlichen Daten. Zwar kommt natürlich als Betriebssystem im Kern Android zum Einsatz, man möchte sich aber so weit von Google entfernen wie möglich. Daher ist wohl eine Abwandlung von Lineage OS, der beliebten Custom-ROM installiert, möglicherweise sogar das „Freedom OS“, das laut GitHub-Repository seit vier Jahren kein Update mehr erhalten hat.

„Uncensorable App Store“ ist ein Witz

Abgesehen von den vorinstallierten Apps können natürlich auch weitere aus dem Internet heruntergeladen werden. Angeblich setzt man hier auf den eigenen „PatriApp Store“, doch bei genauerem Hinsehen entpuppt er sich als reine Augenwischerei. Das App-Icon ist für 15 Dollar aus einer Vektor-Bibliothek gekauft und unter der Haube steckt nichts anderes als der Aurora Store. Dieser ermöglicht das Installieren jeder App, die es auch im Play Store gibt, ohne einen Google-Account zu benutzen – auch Google-Apps! Besonders konsequent zieht das Freedom Phone sein Motto also nicht durch. Da hilft auch der angeblich selbst entwickelte Tracking-Blocker „Trust“ nicht mehr.

Keine Rücknahmen und 90 Tage Gewährleistung

Was irgendwie nach Verstoß gegen das Widerrufsrecht klingt, steht ganz deutlich in den AGB vom Freedom Phone: Sobald die Verpackung einmal geöffnet wurde, nimmt der Anbieter das Gerät nicht mehr zurück. Auch die gerade einmal 90 Tage andauernde Gewährleistung ist nicht so richtig patriotenkundenfreundlich.

Freedom Phone: Fazit

Also um diese ganze Katastrophe nochmal zusammenzufassen: Abgesehen von dem ganzen rechten Beigeschmack ist die Idee von einem Smartphone unabhängig von Big Tech ja gar nicht mal so schlecht. Aber das machen andere schon: zum Beispiel die /e/ Foundation, die alte Samsung- oder Fairphone-Geräte mit ihrem eigenen, Google-freien System bespielt. Ganz im Gegensatz zu Erik Finman oder zumindest der Zielgruppe, der er das Geld aus der Tasche ziehen möchte, hat die Foundation allerdings halt Ahnung von Hardware. 499 Dollar für ein Smartphone mit wahrscheinlich unterdurchschnittlichen, von einem Dienstleister lieblos zusammengewürfelten Komponenten, dazu überholte Software und ein „eigener Shop“, der gar keiner ist – so eine Beleidigung hätte auf dem regulären Smartphone-Markt keine Schnitte. Doch ein paar Trump-Wähler lassen sich damit bestimmt locken.

Jonathan Kemper

Studiert Technikjournalismus, bloggt über Smartphones, Apps und Gadgets, seit 2018 mit regelmäßigen News und ausführlichen Testberichten bei SmartDroid.de an Bord.

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6 Kommentare

  1. Und das sind sie wieder, die Trump Trolle. :D
    Für alle anderen mit mindestens Mittelschul-Abschluss ist es unschwer zu erkennen, wo hier Trump ins Spiel kommt.
    Guter Artikel, danke!

  2. Zwei Dinke könnte man noch erwähnen.

    1. Trump Supporter machen viel Werbung damit, zum Beispiel Candence Owens.

    2. Es soll sich um die Marke Unidigi handeln. Dieser Anbieter hat sehr günstige Geräte im Angebot, so rund 200-300 USD.

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