Aiways ist eine noch eher unbekannte neue Automarke aus China, die im Test mehr überzeugte als enttäuschte. Mit dem sogenannten Aiways U5 liefert das noch junge chinesische Unternehmen ein geräumiges Stadt-Land-SUV für junge Familien, die sich gerne elektrisch fortbewegen möchten. Man muss trotz der Preiskategorie auf gar nicht so viele Dinge verzichten, wie man zunächst erwarten würde. Mehr dazu in unserem Test.

Der erste Eindruck hinterm Lenkrad

Schon in den ersten Minuten weiß der U5 zu überraschen. Er ist sehr geräumig – vorn, hinten und im Kofferraum ist ordentlich Raum vorhanden. Dazu ist die Materialanmutung größtenteils mehr als in Ordnung. Man versucht mit wenig Mitteln einen halbwegs hochwertigen Look zu realisieren. Das hat funktioniert. Sieht vernünftig aus, fasst sich gut an. Ich erinnere mich an meine erste Fahrt mit einem ID.3 von VW, der wirkte viel billiger.

Was aber noch sehr viel mehr überrascht, ist die Stille im Fahrzeug. Es klappert oder quietscht absolut gar nichts, egal wie uneben die Straße ist unter dem klassischen SUV-Fahrwerk ist. Nicht mal bei rund 30° geben die Materialien irgendwelche Geräusche von sich, wenn die warmen Temperaturen der knallenden Sonne und die Klimaanlage gegeneinander einen Temperaturstreit ausfechten.

Ich habe und hatte hier Autos da, die locker 50 Prozent mehr kosten und ständig irgendwelche Geräusche von sich geben. Grüße gehen raus an Volvo.

Hohe Qualität im Innenraum, die zu überraschen weiß

Aiways wollte mit dem Lenkrad und den Sitzen im vorderen Bereich ganz klar ein sportliches Gefühl realisieren. Die in unserem Fall schwarzen Ledersessel sitzen sich zwar gut, wenngleich auch etwas eng, machen im Sommer allerdings keinen Spaß. Da fehlt natürlich die Sitzbelüftung, um am Sitz nicht völlig festzukleben.

Das schwarze Leder sieht halt gut aus, ist aber maximal unpraktisch. Das muss man wissen. Wer also das Prime-Modell nimmt, greift wohl eher zur Farbe „Cream“. Übrigens ist das alles, was man beim Aiways U5 selbst bestimmen kann. Der Rest der Ausstattung ist grundsätzlich mit dabei und nicht individualisierbar. Wer weniger braucht, greift zum Basismodell.

Ein Punkt hierzu noch. Wer nach oben schaut, wird ein Panoramadach entdecken, dessen vorderer Teil auch noch komplett geöffnet werden kann. Das ist echt klasse!

Fahrleistungen sind mehr als ordentlich

Kommen wir zu dem Punkt, den ich an elektrischen Autos besonders interessant finde. In der Regel kann man auch zu günstigeren Autos greifen und hat dennoch genügend Leistung drin. Rund 200 PS leistet der U5 und das klingt erst mal nicht viel. 310 Nm umso besser. Bedenkt man das hohe Gewicht. Aber der Elektromotor hat seine Leistung eben sofort anliegend und nicht erst im „oberen Drehzahlband“. Dieser Vorteil sorgt auch beim U5 für ordentlichen Schub. Jedenfalls bis knapp über 100 km/h, dann wird die Luft dünner.

Obwohl der U5 eher günstig ist, muss man nicht auf Leistung verzichten. Dabei fällt auf, dass der Innenraum grundsätzlich ruhig bleibt. Erst bei höheren Geschwindigkeiten war mir der Luftzug an der Fahrertür etwas zu viel. Entweder nicht gut abgedichtet oder man müsste nach den rund 30.000 Kilometern des Testwagens ein paar Schrauben nachziehen. Abgesehen davon ist die geringe Geräuschentwicklung im Innenraum genauso positiv überraschend wie die allgemeine Verarbeitung.

Ein Punkt, der mir fehlte: Es gibt zwar drei Fahrmodi, die verändern allerdings nur die Gasannahme. Rekuperation ist natürlich mit dabei, aber leider kein One-Pedal-Driving. Vermutlich aus Kostengründen? Jedenfalls kann ich mir vorstellen, dass dieses Feature auch Entwicklungsgeld verschlingt und deshalb fehlt.

Dafür ist iDrive dabei, wodurch der U5 alleine die aktuelle Fahrspur und Geschwindigkeit hält. Gerade die Spurführung hätte ich gar nicht erwartet. Für Stausituationen und Überland bis 100 km/h eine nette Sache, aber auch bei diesem Fahrzeug definitiv kein autonomes Wunderwerk.

Verbrauch und Besuche an der Ladestation

400 Kilometer Reichweite bewirbt der Hersteller und liegt damit genauso falsch wie alle anderen. WLTP ist totaler Käse. Trotzdem schafft der Aiways U5 rund 300 km. Je nach Fahrweise sogar mehr. Und am besten mit wenig Langstrecke, da sich hierbei die übliche Schwäche der E-Autos bemerkbar macht und der Akku mit nur 61 kWh nicht groß genug ist. Meidet man die Autobahn, bleibt der U5 bei ca. 18 kW auf 100 km (im Frühling).

Geladen hat der U5 nicht so schnell, in meinem Versuch waren nicht ganz 80 kW möglich. 90 sind laut Hersteller drin. Ist halt kein Autobahn-Schnelllader-Fahrzeug. Gut versteckt hat man den Ladeanschluss vorn unter dem Scheinwerfer. Das war mir zunächst unbekannt, da habe ich erst mal drei Runden ums Auto gedreht und gesucht.

Infotainment mit Luft nach oben und Navigation nur über Apple CarPlay

Ihr fragt euch bestimmt, wo eigentlich der Haken ist? Wie ich sagte, ist der U5 für Stadt und Land gedacht. Also vermutlich immer auf den Strecken unterwegs, die der Fahrer gut kennt. Das wäre in unserem Alltag so. Zu mehr als 90 Prozent benötigen wir keine Navigation. Diese Kunden möchte Aiways ansprechen. Daher hat man sich das Geld für eine Karten-App samt Navigation gespart. Dennoch ist eine Navigation über das Infotainment möglich, aber nur mit einem verbundenen iPhone per Apple CarPlay.

An diesem Punkt wankt für mich das Konzept ein wenig. Wenn man vorrangig Leute mit kleineren Budgets anspricht, warum gibt es ausgerechnet nur für iPhone-Nutzer den vollen Support? Android Auto halt ich für die Zukunft für eine notwendige Option, die Aiways anbieten sollte. Ein bisschen mehr Geld für die UI-Gestaltung und Übersetzungen müsste man ebenfalls irgendwann locker machen. „Fenster schließen“ ergibt in meinen Augen mehr Sinn als „Fenster deaktivieren“. Oder?

Die Displays hinter dem Tacho und das Display für das Infotainment sind nicht weiter erwähnenswert. Sie machen ihre Arbeit. Grafisch wäre mehr drin und eine höhere Auflösung theoretisch auch. Was genauso für die Kameras gilt, mit denen ihr vor, neben und hinter das Fahrzeug schauen könnt. Dennoch gilt auch hier: Es ist alles benutzbar und funktioniert sehr gut. Es sieht halt alles nur nicht so schön wie bei teureren Fahrzeugen aus.

Für die Klimaanlage gibt es ein eigenes Bedienteil für Toucheingaben. Dieses „Display“ kann hochgeklappt werden, um darunter das Smartphone kontaktlos zu laden. Außerdem ist dort ein weiterer USB-Anschluss zu finden. Was mich überraschte: USB gibt es auch oben beim rahmenlosen (!) Rückspiel.

Ganz ohne Macken geht es dann doch nicht

Die echten Probleme kann und will ich nicht verschweigen. Hin und wieder kommt es vor, dass ein Parksensor alarmiert, wenn das Auto auf der Straße steht. Auch dann, wenn vor euch an der Ampel gar kein anderes Auto ist. Das ist mir bei jeder Fahrt exakt einmal passiert. Ich weiß nur nicht, ob das ein individuelles Problem unseres Fahrzeugs war.

Was wohl generell beim U5 nicht so gut funktioniert, ist Radioempfang per DAB. Blöd, wenn so simple Dinge schiefgehen. Vermutlich nimmt der Radiokonsum zukünftig ohnehin weiter ab. Also verwendet ihr entweder Apple CarPlay oder verbindet euer Android-Telefon per Bluetooth mit dem Autoradio.

Fazit zum Aiways U5: Preisbrecher mit weniger Schwächen als erwartet

Bei anderen Herstellern gibt es Fahrzeuge zu vergleichbaren Preisen, aber oftmals nur mit der abgespeckten Basisausstattung. Aiways bietet für vergleichbare Preise (Prime für 42.000 Euro) eine große Menge an echt coolen Dingen, die ein Auto attraktiv machen. Mit der fehlenden Navigation geht man einen Sonderweg, den ich gut nachvollziehen kann. Ich bin unterm Strich einfach positiv überrascht und hätte ein so rundes Paket nicht erwartet.

Mal ein paar Dinge, die mich im Aiways überrascht haben:

  • Support für Apple CarPlay
  • Aiways-App zur Bedienung per Smartphone
  • Panoramadach mit Schiebedach-Funktion
  • Fußgeste für die Heckklappe
  • Autonomes Einparken
  • Erkennung der Verkehrszeichen inkl. Tempowarnung
  • Viele weiche Materialien im Innenraum
  • kein klappern oder poltern, nicht innen und nicht vom Fahrwerk
  • gute Sitze und Verarbeitung

In meinen Augen gibt es für den Aiways U5 folgende Bewertung:

Bewertung: 4 von 5.

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Denny Fischer

Gründer und amtierender Chef von SmartDroid.de, bloggt hier und nur hier seit 2008. Alle Anfragen an mich, in den Kommentaren oder über die verlinkten Netzwerke.

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1 Kommentar

  1. Natürlich ist die Navigation über Android möglich. Es gibt dazu die App CarbitLink, Smartphone mit Kabel im Auto verbinden, das Smartphone wird auf den Centerscreen gespiegelt und kann dort auch bedient werden

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