Es gibt aktuell keine Plattform, auf der mich Werbung so dermaßen nervt wie Instagram. Nicht nur der normale Beitragsfeed ist voll mit Inhalten, die mich so überhaupt nicht interessieren (obwohl Meta ja immerhin den chronologischen Feed quasi zurückgebracht hat). Vor allem die Werbung in den Storys geht mir gehörig auf den Zeiger. Zwar fehlen mir die empirischen Daten, aber nach meinem Gefühl ist die Frequenz in letzter Zeit höher geworden. Bei mir hat es sich inzwischen auf etwa eine oder gar zwei Werbeeinheiten nach der Anzeige der Storys von drei Nutzern eingependelt.

In jüngster Vergangenheit sind mir hier allerdings mehr als merkwürdige Werbepartner aufgefallen, die zwar Accounts mit verschiedenen Namen betrieben haben, aber offenbar alle einer Masche folgten.

Mal hatte ein Account einen generischen deutschen Begriff als Namen wie etwa „Das Haus“, „Das ist Allerhand“, „Der Augenblick“ oder „Der Kuss“, mal zufällige Namen wie „Annabella Duncan“ oder „libidnagaichuk“. Teils wurde sich noch die Mühe gemacht, den Fake mit einem Profilbild etwas zu verschleiern, teils wurde es bei dem Standard der zugehörigen Facebookseite belassen.

Inhaltlich sind die Videos alle gleich aufgebaut. Man nehme ein Influencergesicht, Textblöcke à la „wie ich über Nacht im Internet reich geworden bin“ und schustert dilettantisch ein paar N26-Screenshots mit attraktiv hohen, aber auf den ersten Blick vielleicht nicht völlig unrealistischen Kontoständen zusammen (bei der Schriftart sollte man aber jedenfalls schnell misstrauisch werden).

Auch wenn die gesponserten Storys auf unterschiedliche URLs leiteten (alle von mir geprüften mit der TLD-Endung .ru für Russland), steckte dahinter immer ein Telegram-Bot, mit dem ihr automatisiert Nachrichten austauschen könnt. Die von mir beobachteten Storys haben zwei verschiedene Arten beworben:

  1. Einmal gibt es da den „Mining“-Bot, der den Eindruck erweckt, ihr könntet hier mit ein paar Tippern auf dem Bildschirm Kryptowährung verdienen. Wie genau das technisch vonstattengehen soll, wird natürlich nicht erklärt.
  2. Bei der anderen Art handelt es sich um einen „Sprachassistenten“-Bot, der zugegebenermaßen etwas plausibler wirkt. Hier sollt ihr Siri-Befehle als Sprachnachrichten aufnehmen und werdet für jede kurze Sequenz mit stolzen fünf Euro entlohnt – vielleicht steckt ja irgendwie was Wissenschaftliches dahinter? Für Nutzerstudien bekommt man ja normalerweise auch irgendeinen Obolus. Nur: Die verschickten Sprachnachrichten werden auf keine Weise verifiziert, trotzdem springt der Counter nach jeder Memo um fünf Euro nach oben.

Wer sich sein vermeintliches Guthaben auf ein echtes Konto auszahlen lassen will, hat dazu nach Drücken auf die entsprechende Option beispielsweise die Wahl zwischen „Commerzbank“, „Sparkasse“, „N26“, „VISA/Master“ oder „Pay-Pal“. Ist man trotz dieser skepsiserregenden Auflistung noch immer geblendet vom angeblichen Vermögen in Greifweite, sollte man aber spätestens innehalten, wenn die Bankdaten einfach so in den Chat eingegeben werden sollen. Ebenfalls sehr professionell: Die Frage nach der „Kreditkartennummer“, sobald „Pay-Pal“ ausgewählt wurde.

Dass das hier einfach sehr ausgeklügelte Wege zum Abgreifen sensibler Daten im Zeitalter von Messenger-Bots ist, fällt vielleicht schon auf, wenn man sonst auch ein wenig auf TikTok unterwegs ist. Dies scheint der Ursprung der meisten Werbegesichter für die Abzocke zu sein – ohne deren Wissen.

Das Management der Influencerin Nadine Breaty (9,2 Millionen Follower auf TikTok) hat mir gegenüber bestätigt, dass natürlich keine Werbekooperation bestehe und man deswegen rechtliche Schritte prüfe. Allerdings haben es die Betrüger bemerkenswert gut hinbekommen, es zumindest beim flüchtigen Drüberzappen so aussehen zu lassen, als ob es sich hier um ein offizielles Placement handele.

Ich habe bei Meta nachgefragt, ob die gezeigten Storys gegen die Werberichtlinien verstoßen und warum das nicht schon früher aufgefallen ist. Auf letztere Frage habe ich wenig überraschend keine eindeutige Antwort erhalten, aber immerhin hat man schnell reagiert. Eine Meta-Sprecherin lässt sich so zitieren:

Die Sicherheit unserer Community hat für uns höchste Priorität. Betrügerische Inhalte und Konten auf Instagram verstoßen gegen unsere Gemeinschaftsrichtlinien. So dürfen Werbeanzeigen beispielsweise keine Geschäftsmodelle bewerben, die schnelle Einnahmen bei geringer Investition anbieten. Die von Ihnen gemeldeten Anzeigen und Werbekonten wurden daher bereits entfernt.

Generell würden Werbeanzeigen vor der Veröffentlichung überprüft, meist innerhalb von 24 Stunden. Dabei achte man auf die verlinkte Webseite, Bilder, Text, Targeting und Aufbau. Allerdings sagt Meta auch, dass man sich größtenteils auf automatisierte Technologie verlassen würde. Das wird vermutlich auch hier der Fall gewesen sein,

Einerseits soll dieser Artikel ein Beispiel dafür sein, wie leicht man im Netz auf Kriminelle stoßen kann und dass man vor allem immer dann doppelt aufmerksam sein sollte, wenn schnelles Geld mit wenig Arbeit versprochen wird. Andererseits soll er hauptsächlich Kritik an Instagram anbringen. Denn die haben es überhaupt so weit kommen lassen, dass diese Fallen ein breiteres Publikum erreichen – und auch noch daran mitverdient.

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Jonathan Kemper

Freier Technikjournalist, bloggt über Smartphones, Apps und Gadgets, seit 2018 mit regelmäßigen News und ausführlichen Testberichten bei SmartDroid.de an Bord.

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4 Kommentare

  1. Hey , ich bin leider drauf reingefallen da ich Insta vertraut habe und dachte das es was seriöses ist sonst würde Insta es sperren . Es ist krank das das der einzige Bericht ist den ich dazu finden kann im ganzen Internet ! Ich kriege nur noch davon Werbung und ich hoffe das andere das nicht machen , vor allem jüngere mit der Karte von Mama und Papa ! Danke für deinen Beitrag . Schade das es so wenig Aufmerksamkeit bekommt und das Thema generell nirgendwo thematisiert wird

  2. Mich hat es auch erwischt, bin aktuell ein leichtes Opfer da ich dringend Geld brauche. Das mit den 300€ macht mir nun etwas Angst wie meinst du das Erik ?
    Was haben die Betrüger mit meinen Daten vor. Ich habe meine Paypal Adresse angegeben…

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