TikTok war einer Flut an „Spam-Missbrauch“ ausgesetzt – so rechtfertigt Google zumindest, ein paar Millionen schlechter Bewertungen gelöscht zu haben.

TikTok ist das derzeit wohl heißeste Netzwerk der Welt. 2016 in China veröffentlicht und global 2018 nach der Zusammenführung mit musical.ly gestartet, ist es im Vergleich zu Facebook (2004), Twitter (2006) und Instagram (2010) noch vergleichsweise jung. In kürzester Zeit hat es aber nicht nur eine Fangemeinde von Hunderten Millionen Nutzern angesammelt, sondern verzeichnet auch weiter noch rasantes Wachstum. 2019 galt es als die siebtmeist heruntergeladene App des vorangegangen Jahrzehnts. Doch Erfolg kommt selten ohne Kritiker. Und die finden bei TikTok einige Angriffspunkte.

Preis: Kostenlos+
Preis: Kostenlos+

Das macht TikTok als Netzwerk so besonders

Besonders macht TikTok, wie die Timeline gestaltet ist. Da du dir immer nur einen Beitrag auf dem Bildschirm haben kannst, fehl die Überwindung, aktiv Content auszuwählen und anzuklicken. Du kennst das: Obwohl oder vielleicht gerade, weil YouTube, Netflix und Co. eine schier unendliche Menge an gutem Content bieten, verbringst du manchmal länger mit Suchen nach dem richtigen Video, als es dir tatsächlich anzuschauen. TikTok dreht diese Mechanik etwas um. Du wischst dich von Clip zu Clip immer weiter auf der Suche nach dem noch besseren, konsumierst dabei aber gleichzeitig.

Dabei schlägt TikTok gerade jetzt einen neuen Weg ein. Seit Anfang Mai hat der Laden nämlich einen neuen Kopf. Kevin Mayer übernimmt die Geschäfte als CEO bei TikTok und COO von ByteDance. Zuletzt war er bei Walt Disney für den Aufbau des Streamingdienstes Disney+ verantwortlich, der erst kürzlich in Deutschland an den Start ging. (Mehr beim SPIEGEL)

TikTok rutschte unter 1,5 Sterne im Play Store ab

Durch Zufall bin ich im Play Store vor gut einer Woche darüber gestolpert, dass TikTok eine bemerkenswert schlechte Durchschnittsbewertung hat: Nicht einmal 1,5 Sterne im Play Store und das bei rund 25 Millionen Bewertungen. Dem gegenüber standen und stehen noch immer 4,6 Sterne durch 280.000 Bewertungen, die TikTok im App Store verzeichnete – eine krasse Diskrepanz.

Tatsächlich konnte ich auf den erste Blick im App Store seltenst Bewertung unter 4 Sternen entdecken, während der Play Store durch die automatische Sortierung nach Relevanz die Rezensionen nach oben spült, die am meisten Zuspruch erhalten haben. Und das waren vor Kurzem fast ausschließlich Verrisse, die auf teils weniger, teils mehr nachvollziehbaren Begründungen bauten.

1,2 Sterne für TikTok: Absturz bei den Rezensionen, bis Google eingreifen musste

Im Glauben, dass ich mir mit dieser mehr oder minder exklusiven Geschichte noch ein wenig Zeit lassen könnte, folgte diese Woche überraschend eine neue Entwicklung. Google hat im Zuge von „Korrekturmaßnahmen“ nämlich Millionen negativer Bewertungen gelöscht. Ein Video des indischen Influencers Faizal Siddiqui habe für eine Flut an 1-Sterne-Bewertungen gesorgt. In diesem sei ein vermeintlicher Säureangriff zu sehen gewesen sein, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland unter Berufung auf die BBC berichtet. TikTok hat reagiert und das Video gelöscht, Siddiqui hat sich entschuldigt.

Nach der Reaktion seitens TikTok hat Google damit begonnen, rund fünf Millionen der 1-Sterne-Bewertungen zu löschen. Viele blieben jedoch aktiv, derzeit hat TikTok eine Bewertung von 1,6 Sternen im Play Store. Grund für die Entfernung der negativen Rezensionen war laut Google, dass zahlreiche Kritiken von gefälschten Konten erstellt wurden. “Wenn wir von Spam-Missbrauch erfahren, überprüfen wir dies und ergreifen Korrekturmaßnahmen, um unangemessene Bewertungen und Kommentare zu entfernen”, sagte ein Google-Sprecher der BBC. (RND, 27.5.2020)

Warum wurden diese TikTok-Bewertungen gelöscht?

Google spricht nach der Säuberung von „Spam-Missbrauch“, da zahlreiche Kritiken von gefälschten Konten erstellt worden seien. Doch sind die gelöschten Bewertungen wirklich alle so missbräuchlich? Im Laufe meiner vorangegangenen Recherche hatte ich am 24. Mai folgenden Screenshot der „relevantesten“ Rezensionen im Play Store gemacht – die jetzt allesamt nicht mehr auffindbar sind (Filter: „Neu“, „Alle Geräte“, „1 Stern“). Zum jetzigen Zeitpunkt werden im Play Store 4 Millionen Bewertungen weniger gezählt.

Mit mehr als 1000 Daumen nach oben innerhalb weniger Tage hat die Bewertung von „rosastrohhut“ mit einem Rundumschlag offenbar die Ansicht einer breiten Masse wiedergegeben. Die angesprochene Problematik mit dem Jugendschutz ist in meinen Augen dabei vollkommen legitim. Mit Hashtags wie #bantiktok oder #uninstalltiktok wird deswegen regelmäßig zum Boykott aufgerufen. Wegen angeblicher Verbreitung pornografischer Inhalte wurde die App in Indien sogar für einige Wochen entfernt. Das Gericht konnte die Blockade aber nicht aufrechterhalten.

TikTok ist mehr als die ForYou-Page

Gleich zu Beginn dieser Bewertung geht es aber noch um etwas ganz anderes: Dass es sich nur um „Selbstdarstellung und -optimierung“ drehe. Diesem Vorwurf sehen sich Soziale Netzwerke, Instagram allen voran, schon seit Langem ausgesetzt. Hier muss man allerdings  entgegenhalten, dass ein soziales Medium immer ein Stück weit das ist, was seine Nutzer daraus machen. Das gilt nicht nur für Creator, sondern auch Consumer: Mit der Entscheidung, wem du folgst und wen du damit in deine Bubble lässt, kann TikTok auch ein Quell an lustigen, inspirierenden oder informativen Inhalten werden.

Im Gegensatz zu Twitter, das dir eine vollkommen leere Timeline zeigt, wenn du niemandem folgst, ist der Ausgangspunkt bei TikTok jedoch ein anderer. Die Suche nach den Perlen, die dich wirklich interessieren, kann Kraft und Zeit rauben. Und wenn du die nicht investierst, kommst zu dem Schluss, dass es nur um Selbstdarstellung ginge.

Twitter lässt uns weiter auf den Edit-Button warten

TikTok patzt bei der Moderation

Der Kommentator „Tobi“ relativiert seine Aussage (in TikTok seien pornografische Inhalte, Videos aus Kriegsgebieten oder mit abgetrennten Gliedmaßen frei zugänglich) richtigerweise schon selber – das ändert aber nicht viel am Grundproblem, dass TikTok in „Ausnahmen“ eben mit der Moderation zu kämpfen hat. Was für widerlicher Content manchmal auf der Frontpage landet, hat VICE in einem sehr guten Artikel recherchiert.

Apropos Jugendschutz: TikTok hat im Play Store von der USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) die Einstufung erhalten, die App sei für Nutzer „ab 12 Jahren“ geeignet. Mangels – meines Wissens nach – beantragter Einstufung hängt Twitter dazu im Vergleich noch bei „ab 18“ fest. Die Ab-12-Einstufung übersetzt Google übrigens wie folgt:

Produkte dieser Kategorie können durch ängstigende Inhalte, kurze Schockmomente, selten vorkommende explizite Sprache, sexuelle Inhalte oder vereinzelte Gewaltdarstellungen beeinträchtigend für jüngere Kinder sein. Spiele in diesem Bereich können bereits deutlich kampfbetonter oder hektischer ausfallen, bieten durch ihren fiktiven Kontext jedoch ausreichend Distanzierungsmöglichkeiten. Bitte achten Sie darauf, dass in Sozialen Netzwerken oder auf Plattformen, die von Nutzern hinzugefügten Inhalte auch trotz möglicher Maßnahmen der Anbieter die Jugendschutzrelevanz erhöhen können.

Im Februar 2019 wurde ByteDance von der US-amerikanischen Federal Trade Commission zu einer Strafe von 5,7 Millionen Dollar verdonnert, da sie mit der Datensammlung von Kindern unter 13 Jahren gegen die Children’s Online Privacy Protection Act verstießen. Darauf folgte ein Kindermodus in der App, mit dem sich zwar noch Videos anschauen, aber kein Profil aufbauen, Kommentare schreiben oder Clips aufnehmen lassen.

TikTok feiert Rekordjahr: China-App begeistert junge Menschen weltweit – der richtige Ort für die Tagesschau?

TikTok: Made in China

Ebenfalls ein beliebter Anlass für negative Kommentare wie den von „DukederElch„: Dass mit ByteDance hinter TikTok ein chinesisches Unternehmen steckt. ByteDance hat seinen Sitz in Peking und wurde 2012 von Zhang Yiming gegründet. Hauptprodukt der Firma ist Toutiao, der wohl größte personalisierte Content-Aggregator Chinas. Immer wieder geriet ByteDance in den Fokus der Öffentlichkeit, eng mit der chinesischen Regierung zusammenzuarbeiten und Kritik an der Partei zu zensieren.

Das lässt sich nicht von der Hand weisen – doch deswegen das Netzwerk komplett zu meiden, ist wohl letztendlich eine persönliche Frage. ByteDance betreibt in China mit Douyin eine zu TikTok identische, aber vom Rest der Welt völlig abgeschnittene App. Dass die Nutzung in Deutschland aber in ein „noch kommendes“ Social Scoring einfließe, wirkt nicht nur ein bisschen verschwörungstheoretisch. (Mehr zum Social Scoring bei cT/Heise)

Erst jetzt ist die App wieder ins Fadenkreuz öffentlicher Empörung geraten. Sie wurde beschuldigt, Hashtags rund um den Mord an George Floyd und #blacklivesmatter stummzuschalten. Diese Theorie stimmte zwar nicht, doch welche Reichweite sie erzielt hat, zeigt, was ihnen zuzutrauen ist. Das zog sogar ein öffentliches Statement nach sich, in dem TikTok noch einmal betont, wie wichtig es ihnen ist, jeder Stimme einen Platz zu geben.

Mittlerweile ist TikTok im Play Store wieder bei einer Bewertung über 4 Sternen angelangt. Ganz oben zwar keine Lobeshymnen, aber zumindest gemäßigte Kritik mit durchschnittlich 3 oder 4 Sternen. Die gelöschten Bewertungen werden wir wohl nie wieder sehen – doch ich bin mir sicher, dass es nicht die letzten ihrer Art waren.

 

Jonathan Kemper

Studiert Technikjournalismus, bloggt über Smartphones, Apps und Gadgets, seit 2018 mit regelmäßigen News und ausführlichen Testberichten bei SmartDroid.de an Bord.

Hinterlassen Sie bitte einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.