Als Smartphone-Blogger bin ich nicht nur im Internet Ansprechpartner für Technikfragen, sondern natürlich auch in meinem privaten Umfeld. Immer wieder erreichen mich Anfragen, welches Smartphone man sich denn jetzt so als nächstes kaufen sollte. Das hängt in jedem Fall von den persönlichen Bedürfnissen ab, etwa Kameraqualität, Spieleleistung oder Akkulaufzeit – nicht zuletzt auch vom Budget. Eine generelle Empfehlung lässt sich allerseltenst aussprechen.

“Ich brauche eine neue Hülle für mein Smartphone”, sagte meine Mutter kürzlich zu mir. Seit einigen Jahren ist sie jetzt mit einem von mir nach einem Test ziemlich günstig abgekauften BQ Aquaris U2 von 2017 unterwegs. Ja genau, der spanische Hersteller, den es inzwischen leider gar nicht mehr gibt.

Zwar tummeln sich bei Amazon noch Hüllen diverser Drittanbieter, aber mir als technikaffinem Menschen tut es in der Seele weh, sie weiter mit einem Gerät auf völlig veraltetem Android 8 rumgurken zu sehen. Das ist auch sicherheitstechnisch ein echtes Risiko. Die inzwischen eher fürchterlichen Fotos, die ich aus ihrer Kamera sehen muss (natürlich meine ich die Bildqualität, nicht den Inhalt, Mama!), sind schließlich das letzte Argument, das BQ Aquaris U2 endlich dem Recyclinghof zuzuführen.

👍 Unverändertes Android

Doch was für ein Smartphone soll ich ihr ans Herz legen? Als angeblicher Experte muss meine Empfehlung gut begründet sein. Ginge es nur um das beste Verhältnis aus Preis und Leistung, würde ich schnell bei einem Hersteller wie Xiaomi oder der Untermarke Poco landen. Mehr Power pro Euro sind bei anderen Brands eher schwer zu finden. Nach ein bisschen Überlegen bin ich letztlich auf die Idee gekommen, meiner Mutter einen Link zum Fairphone 4 zu schicken.

Mit Xiaomi müsste sich meine Mutter mit MIUI nicht nur an eine völlig neue Oberfläche gewöhnen (was gar nicht so trivial ist, wie es klingt), sondern würde ab der ersten Inbetriebnahme mit einigen vorinstallierten Werbe-Apps konfrontiert. Das stellt kein Problem beim Fairphone dar, die auf reines Android setzen, wie es von Google gedacht ist.

Wer mit Google möglichst wenig am Hut haben will, kann das Fairphone 4 übrigens sogar mit dem völlig entgoogelten /e/OS direkt vorinstalliert erwerben. Damit erspart man sich die lästige Installation einer Custom-ROM.

Bild: Fairphone

👎 Hoher Preis

Klar, das Fairphone 4 mit einem Einstiegspreis von 579 Euro für das günstigere Modell mit 6 GB RAM und 128 GB Speicher nicht gerade günstig. Für 649 Euro gibt es immerhin 8 GB RAM und 256 GB Speicher, aber da sich im Zweifel Daten sowieso auf einer microSD unterbringen lassen, fällt das nicht sonderlich ins Gewicht.

Obwohl das Fairphone 4 erst im Herbst 2021 vorgestellt wurde, gab es seitdem schon ein paar Schnäppchen zu schießen, zeigt ein Blick ins Archiv von MyDealz. Der Onlinehändler Galaxus hatte das 128-GB-Fairphone schon ein paar Mal für um die 530 Euro im Angebot, was das Teil nochmal eine Ecke attraktiver macht.

👍 Langer Software-Support

Außerdem soll das Smartphone im besten Fall nicht nur ein oder zwei Jahre, sondern länger durchhalten und Xiaomi glänzt gerade bei den Low-Budget-Geräten nicht unbedingt mit regelmäßigem und langfristigem Software-Support. Während andere, große Android-Hersteller wie Samsung wenigstens vier Jahre Updates versprechen, übertrifft das vergleichsweise kleine Fairphone seine Konkurrenz in der Hinsicht um Längen. Das Fairphone 2 etwa hat auch sieben Jahre nach seinem Release noch ein Update erhalten, wenngleich nicht auf das damals aktuellste Android.

Beim Fairphone 4 verspricht das niederländische Unternehmen auf jeden Fall noch Android 12 und Android 13 (was in diesem Jahr vorgestellt werden dürfte) und weitere Aktualisierungen bis Ende 2025. In Aussicht stellt der Hersteller darüber hinaus sogar Updates auf Android 14 und Android 15 bis Ende 2027 – ob das eingehalten werden kann, bleibt abzuwarten. Zugutekommt den Entwicklern, dass man auf eine Herstelleroberfläche völlig verzichtet, sodass man die Grundlage von Google beinah unverändert an seine Nutzer weitergeben kann.

Bild: Fairphone

👍 Ersatzteile verfügbar

Doch auch, wenn die Software lange durchhält, vielleicht macht ja die Hardware zuerst schlapp? Hier hat Fairphone einen großen Vorteil gegenüber der Mitbewerber. In Sachen Reparierbarkeit konnte das Fairphone 4 bei den Experten von iFixit erneut die Bestnoten abräumen. War es früher noch Standard, zumindest den Akku einfach aus dem Gehäuse kloppen zu können, ist das heutzutage die Seltenheit. Anders ist es zum Glück bei Fairphone.

Nicht nur der Akku (die Komponente, die sich bei einem Smartphone durch Abnutzung am schnellsten getauscht werden muss, selbst wenn nicht direkt ein Hardwaredefekt vorliegt) kann hier für gerade einmal 30 Euro aus dem offiziellen Store nachbestellt werden, auch Dinge wie die Kameras, das Display oder die Abdeckung der Rückseite. Zwar will ich meiner Mutter natürlich nicht sagen, dass sie doch bitte selbst zum Werkzeug greifen soll, wenn ihr der Bildschirm oder die Kamera zersplittert ist, aber die Verfügbarkeit und der Preis der Ersatzteile ist schon eine Besonderheit.

Quelle: Screenshot

👍 Akzeptabler Chip

Der Chip im Inneren kann wenig überraschend nicht gewechselt werden, hier ist man bis zum Ende der Lebenszeit des Fairphone 4 auf den Qualcomm Snapdragon 750G angewiesen. Der Mittelklasse-Chip ist aus dem Herbst 2020 und damit nicht mehr der allerfrischeste, doch immerhin mit 5G-Support (inklusive Sub-6GHz und mmWave) für die Mobilfunk-Zukunft gerüstet. Ohne allzu sehr ins technische Detail gehen zu wollen, ist der Snapdragon 750G mit seinen acht Kernen bei bis zu 2,2 GHz sicherlich kein Performance-Monster, aber sollte das ein oder andere Spiel doch problemlos packen (sogar über Candy Crush hinaus).

👍 Kameras ausreichend

Ähnlich akzeptabel, wenn auch nicht überragend sind die Kameras des Fairphone 4 auf dem Papier. Tatsächlich ist das Fairphone 4 das erste Gerät der Reihe, bei dem ich nicht komplett Bauchschmerzen angesichts des Datenblatts bekomme. Der Hersteller verzichtet einfach auf Blendwerk wie 2-MP-”Makrolinsen” und verbaut “nur” zwei Sensoren mit jeweils 48 MP für Weit- und Ultraweitwinkel nebst einem Tiefensensor, der etwa bei Portraitaufnahmen für echtere Tiefenunschärfe sorgen soll. Auf optischen Telezoom muss man immer noch verzichten, der Ultraweitwinkel ist aber immerhin ein Zugewinn. Besser geworden als beim Vorgänger ist auch die Selfiekamera mit 25 statt 16 MP.

Bild: Fairphone

👎 Fehlender Klinkenanschluss

Selbstverständlich ist das Fairphone 4 aber auch nicht rundum perfekt. Da wäre zum Beispiel der fehlende 3,5-Millimeter-Klinkenanschluss, der mittlerweile zwar ohnehin eine Rarität geworden ist, aber nicht nur wegen der aktuell sogar kostenfrei beigelegten True-Wireless-Kopfhörer (sonst 100 Euro) zu verschmerzen ist.

👎 Großer Bildschirm

Das größere Problem – im wahrsten Sinne des Wortes – stellt der Bildschirm dar. Der kommt nämlich als LCD statt als stromsparenderer und allgemein modernerer AMOLED-Panel daher und misst zudem 6,3 Zoll in der Diagonalen gegenüber den 5,65 Zoll des Vorgängers, die schon das BQ Aquaris U2 überragten. Eher kleine Smartphones sind einfach generell schwierig zu bekommen. Fairphone kompensiert die gewachsenen Maße ein wenig durch die Einführung einer wassertropfenförmigen Notch am oberen Rand, in dem die Selfiekamera untergebracht ist. Der große Bildschirm ist per se nicht unbedingt ein negativer Punkt am Fairphone 4, sondern natürlich Geschmackssache.

👍 Robustes Gehäuse

Zusammen mit den 10,5 Millimetern Gehäusedicke ist das Fairphone 4 aber schon ein ganz schöner Brecher, was nicht zuletzt dem austauschbaren Akkus geschuldet ist. Dafür ist das Fairphone 4 dank Zertifizierung nach MIL-STD 810G und IP54 gegen Wasser, Staub, Stürze und Temperatur geschützt.

👎 Wenige Hüllen

Will man sich nicht auf die eingebaute Widerstandsfähigkeit verlassen, gibt es immer noch ein paar Hüllen. Direkt vom Hersteller gibt es ein recyceltes Case in Grau, Grün oder Rot für jeweils 40 Euro, die Auswahl von Drittanbietern ist ebenfalls noch recht übersichtlich. Immerhin eine Mama-konforme Buchhülle in Lederoptik ist dabei.

Quelle: Screenshot

👍 Nachhaltigkeit und Fairness

Apropos Recycling: Während ich bislang nur die technischen Daten des Fairphone 4 überprüft habe, bin ich noch gar nicht auf das Alleinstellungsmerkmal des Herstellers eingegangen, wodurch sich der vergleichsweise höhere Preis wieder ein wenig relativiert. Im Gegensatz zu dem allergrößten Teil des Smartphonemarkts legt Fairphone nämlich viel Wert auf eine möglichst nachhaltig gestaltete Lieferkette, wenngleich sich dieses Ziel aufgrund der verwendeten Ressourcen noch nicht hundertprozentig erreicht werden kann. Mehr erklärt der Hersteller auf seiner offiziellen Webseite. Allein durch die modulare Bauweise und die vorbildliche Reparierbarkeit und den verlängerten Softwaresupport ist Fairphone aber schon nachhaltiger als viele andere.

Fazit

Also unterm Strich: Das Fairphone 4 mag technisch gemessen am Preis nicht so fürchterlich viel auf dem Kasten zu haben, die nachhaltige Ideologie des Herstellers ist aber einzigartig. Unabhängig davon punktet das Smartphone zudem mit einem hohen Maß an Reparierbarkeit und überdurchschnittlich langem Softwaresupport samt unverändertem Android und Verzicht auf Werbeapps.

👍 Vorteile

  • Unverändertes Android
  • Langer Software-Support
  • Ersatzteile verfügbar
  • Akzeptabler Chip
  • Kameras ausreichend
  • Robustes Gehäuse
  • Nachhaltigkeit und Fairness

👎 Nachteile

  • Hoher Preis
  • Fehlender Klinkenanschluss
  • Großer Bildschirm

Videos

Wollt ihr euch noch weitere Meinungen einholen, kann ich auf jeden Fall eine Empfehlung aussprechen: Und zwar für diese Videos der Kollegen, die sich das Fairphone 4 genauer angeschaut haben.

Hoffentlich konnte ich bei der ein oder anderen Kaufentscheidung unterstützen! Hattet ihr schon mit dem Gedanken gespielt, euch selbst das Fairphone 4 zu kaufen oder es jemandem zu empfehlen?

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Jonathan Kemper

Freier Technikjournalist, bloggt über Smartphones, Apps und Gadgets, seit 2018 mit regelmäßigen News und ausführlichen Testberichten bei SmartDroid.de an Bord.

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7 Kommentare

  1. Warum nicht einfach ein Pixel 6 – fast genauso teuer und in fast allen belangen besser (in vielen sogar wesentlich Kamera, CPU, Display) und auch reines Andriod und lange Updates

    1. Natürlich wäre das viel besser und vernünftiger. Und witzigerweise (bei den Updates) sogar nachhaltiger. 😅 Und apropo Ersatzteile: beim letzten Fairphone waren die, so gut wie, verfügbar. 😂 Vielleicht nervt ihn seine Mutter einfach 😁 …dann ist das Fairphone natürlich die perfekte Wahl 🤣

    2. Huhu Tom ,
      es geht doch um den faireren Bezug der Bestandteile und möglichst ohne Ausbeutung der ArbeiterInnen – und um der Nachhaltigkeit der Umwelt zuliebe – anders als es alle anderen Hersteller tun ! !! Oder ? 🤔
      Das ist es doch, was wir NICHT wollen! ! 👀☺
      Jonathan : schreib ‚ doch bitte mal etwas über das (noch teurere) Shiftphone .
      Ja , ich denke seit Jahren über das Fair Phone nach , aber mich nervt die Kommunikation ausschließlich auf Englisch. …
      ( Das soll aber in Zukunft besser werden )
      Nachdem ich mich jetzt über Refurbed geärgert habe, muß ich wohl in den sauren Apfel beißen….
      ( Das Shiftphone aus Deutschland kommt demnach auf Platz 2 )
      Danke für deinen Bericht. P.S.
      Ich habe gehört, daß Fair Phone aber auch bei Foxconn produzieren läßt -😯 . Kann das sein ? Schöne Grüße

  2. Ich habe es und bin sehr zufrieden damit. Hoffe nur das nach und nach jetzt mehr Hüllen auf den Markt kommen werden.
    Panzerglasfolien gibt es inzwischen von einigen Anbietern.

  3. Ich finde zwar die Idee hinter Fairphone toll. Aber solange keine Kamera drin ist die den Standard von S22 Ultra hat also das auch bei schlechteren Licht gute Fotos möglich sind. Dabei geht es mir darum daß ich kein Scanner habe und auch keinen kaufen will weil ich alles mit einer Scanner App die Dokumente abfotografiere, das Oppo find X2 hatte da leider gewisse Probleme.
    Außerdem ist mir auch Spritzwassergeschützt wichtig und ein Ultraschallsensor im Display für Fingerabdruck. Den es regnet auch und somit kommt auch ein telefonieren im Regen zustande. Und letzteres ist ein Sicherheitsaspekt.

    Solange das Fairphone diesen Standard nicht erreicht greife ich ganz klar zu anderen Herstellern.. Bis 2026 müssen die Hersteller wieder auf Wechselbare Akkus setzen, das freut mich sehr.

  4. Die Mama hat sich ja auch über deine selbstgemalten Bilder aus dem Kinderarten gefreut, wo sie dicke Beine und grüne Haare drauf hatte (die heute allerdings trendy wären). Aber sie legt wahrscheinlich nicht soviel Wert auf gute Funktionalität und ist vom fairen Märchen bestimmt noch ganz begeistert, mit dem man ihr den doppelten Preis aus der Tasche zieht.

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