Deutschland ist ein sonderbares Land in vielen Belangen und wieder einmal fallen wir negativ auf, weil die verzwickte Rechtslage es zulässt. Rezensionen werden massenhaft von Google Maps entfernt, weil sie zu wenig Sterne haben, doch der Grund für die Löschung ist angeblich immer ein anderer.
Vermutlich weiß es inzwischen jeder, das Löschen von Rezensionen auf Google Maps wegen Diffamierung hat an Bedeutung gewonnen. So sehr, dass sich Google dagegen nun wehrt. Wer bei seinem Unternehmen die Löschung durchsetzt, erhält nun seit einigen Wochen einen Prangerbanner.
Im Bereich der Rezensionen blendet Google jetzt ein, wenn ein Unternehmen Rezensionen „aufgrund von Beschwerden wegen Diffamierung“ löschen lässt. Die gezeigten Zahlen haben bereits untermauert, dass dieses Vorgehen notwendig ist, damit Unternehmen zu dieser Methode nicht mehr greifen.
Sterne-Durchschnitt könnte zu hoch sein, weil Rezensionen gelöscht werden

Offizielle Zahlen laut EU-Transparenzdatenbank fallen sogar sehr drastisch aus. 2025 gab es EU-weit über 1,37 Millionen Löschanträge wegen Diffamierung. Diese stammten nahezu 100 Prozent aus Deutschland, nur 400 Fälle lassen sich anderen EU-Ländern zuordnen. Was untermauert, dass hier mit System gearbeitet wird.
Wie bei den Street-View-Verpixelungen damals vor über fünfzehn Jahren, ist das Problem mal wieder ein exklusiv deutsch. In diesem Fall ist es wohl die deutsche Rechtssprechung und ihre Trennung zwischen zulässiger Meinungsäußerung und rechtswidriger Verleumdung.
Natürlich gibt es Bewertungen, die vielleicht wirklich gut begründet gelöscht werden sollten. Aber nicht nur ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch völlig harmlose Bewertungen gelöscht worden sind, nur weil sie dem Betreiber zu wenig Sterne hatten. Wer ein paar schlechte Bewertungen löschen lässt, kann damit den wichtigen Sterne-Schnitt nach oben steigern. 4,5 sieht einfach besser aus 4,3.
Auch interessant: Diffamierungs-Gate bei Google Maps: Nutzer machen ‚Jagd‘ auf Löschkönige.

Google Maps brandmarkt gelöschte Bewertungen als „Diffamierung“ — und macht aus fehlenden Belegen scheinbar Rufmord
Untertitel
Googles eigenes Gemini erklärt den Mechanismus überraschend offen: In Deutschland werden Bewertungen oft gelöscht, weil ein Kundenkontakt nicht nachgewiesen wird. Trotzdem erscheint beim Unternehmen ein Banner wegen „Diffamierung“. Für Verbraucher kann das massiv irreführend sein.
Google Maps verkauft sein neues Bewertungs-Banner als Transparenz. In Wahrheit zeigt es vor allem, wie gefährlich grob Google komplexe Rechtsfälle in ein einziges Schlagwort presst: Diffamierung.
Denn für normale Verbraucher bedeutet dieses Wort etwas Schweres. Es klingt nach Rufmord, Lüge, Beleidigung, gezielter Schädigung. Wer auf einem Unternehmensprofil liest, dass Bewertungen wegen „Diffamierung“ entfernt wurden, denkt schnell: Da haben wohl Menschen falsche oder bösartige Dinge geschrieben.
Aber ist das wirklich immer der Fall?
Gerade hier wird es problematisch. Denn sogar Googles eigenes KI-System Gemini beschreibt den deutschen Löschmechanismus deutlich differenzierter.
Gemini schreibt:
„Der effektivste Hebel ist die Behauptung: ‚Es gab keinen Kundenkontakt.‘“
Und weiter:
„Das Unternehmen bestreitet also einfach, dass die bewertende Person jemals Gast, Patient oder Kunde war.“
Das ist der entscheidende Punkt. In vielen Fällen geht es nicht darum, dass jemand ein Unternehmen beleidigt hat. Es geht darum, dass ein Unternehmen den Kundenkontakt bestreitet — und der Rezensent dann nachweisen soll, dass er tatsächlich Kunde war.
Gemini erklärt den Ablauf selbst so:
„Google kontaktiert den Rezensenten.“
„Der Verfasser muss nachweisen, dass er tatsächlich Kontakt zum Unternehmen hatte.“
„Wenn keine oder eine unzureichende Antwort kommt, muss Google die Bewertung löschen.“
Das bedeutet praktisch: Eine Bewertung kann verschwinden, weil jemand eine Google-Mail übersehen hat. Oder weil die Rechnung nicht mehr vorhanden ist. Oder weil der Besuch lange zurückliegt. Oder weil jemand keine Lust hat, sich mit einem juristischen Verfahren zu beschäftigen.
Aber nach außen bleibt hängen: Diffamierung.
Und genau das ist der Skandal in der Kommunikation.
Denn „kein nachgewiesener Kundenkontakt“ ist nicht dasselbe wie Diffamierung. Ein fehlender Beleg ist keine Verleumdung. Eine nicht beantwortete E-Mail ist kein Rufmord. Und eine gelöschte Bewertung ist nicht automatisch eine Lüge.
Trotzdem fasst Google diese Fälle offenbar unter dem Label „Defamation“ beziehungsweise „Diffamierung“ zusammen. Gemini nennt das selbst ein „Schubladendenken“:
„Google nutzt für seine weltweiten Systeme standardisierte Kategorien.“
„Da die Löschung wegen ‚fehlendem Kundenkontakt‘ fast immer über den Rechtsweg erfolgt, ordnet Google diese Fälle intern der Kategorie ‚Diffamierung‘ zu.“
Das ist eine erstaunlich offene Beschreibung. Denn sie zeigt: Google verwendet einen Begriff, der juristisch intern vielleicht bequem ist, aber beim Verbraucher eine ganz andere Wirkung entfaltet.
Noch deutlicher wird Gemini an anderer Stelle:
„Das Banner sagt also eigentlich aus: ‚Hier wurden Bewertungen gelöscht, die das Unternehmen auf dem Rechtsweg als geschäftsschädigend und mangels nachgewiesener Grundlage als unwahr angegriffen hat.‘“
Genau. Eigentlich müsste das Banner so heißen.
Nicht:
„Bewertungen wegen Diffamierung entfernt.“
Sondern:
„Bewertungen nach rechtlichen Beschwerden entfernt, häufig wegen bestrittenem Kundenkontakt.“
Das wäre korrekt. Das wäre transparent. Das wäre fair.
Aber Google wählt den härteren Begriff. Und dieser Begriff kann Verbraucher in eine bestimmte Richtung lenken: weg von der Frage „Hat das Unternehmen systematisch löschen lassen?“ und hin zur Annahme „Da wurden wohl bösartige Bewertungen entfernt.“
Gemini erkennt sogar selbst, dass das missverständlich ist:
„Dass dort ‚Diffamierung‘ steht, wirkt auf den normalen Nutzer oft irreführend.“
Damit ist der Kern eigentlich gesagt. Wenn sogar Gemini selbst formuliert, dass die Darstellung für normale Nutzer irreführend wirken kann, dann ist die Kritik nicht überzogen. Sie ist naheliegend.
Besonders problematisch wird es, wenn Google Deutschland als Sonderfall darstellt. Gemini schrieb zuerst:
„Deutschland ist im EU-Vergleich der absolute Spitzenreiter bei Löschanträgen wegen Diffamierung.“
Doch diese Aussage kann selbst irreführend sein.
Denn wer tausende Löschanträge für Kunden in Griechenland gestellt hat und erlebt, dass Google diese Anträge nicht bearbeitet oder nicht beantwortet, sieht die andere Seite der Wahrheit: Deutschland führt nicht zwingend, weil dort mehr diffamiert wird. Deutschland führt möglicherweise nur, weil Google dort wegen der Rechtsprechung überhaupt reagiert.
Gemini korrigierte diesen Punkt später selbst sehr deutlich:
„Deutschland führt die Statistik deshalb an, weil Google hier gezwungen wird, überhaupt eine Statistik zu führen und auf Anträge zu reagieren.“
Und noch schärfer:
„Google handelt nicht nach moralischen Prinzipien oder einem einheitlichen EU-Standard, sondern nach dem Prinzip des geringsten Widerstands.“
Das ist eine harte Aussage — nicht von einem Kritiker, sondern aus der Gemini-Antwort selbst.
Für Griechenland beschreibt Gemini den Zustand so:
„Solange dort keine Kanzleien massenweise Urteile gegen Google erwirken oder die nationale Aufsichtsbehörde drakonische Strafen verhängt, stellt Google sich ‚tot‘.“
Diese Formulierung ist brutal, aber sie trifft ein reales Problem: Der Digital Services Act gilt in der gesamten Europäischen Union. Trotzdem erleben Unternehmen und Berater in der Praxis offenbar eine Zwei-Klassen-Behandlung. In Deutschland reagiert Google. In Griechenland bleiben viele Anträge liegen.
Wenn das stimmt, dann ist Googles europäische Transparenz keine echte Transparenz. Dann ist sie selektiv. Dann sieht man nur dort Zahlen, wo Google aus rechtlichem Druck handelt. Und dort, wo Google nicht handelt, entsteht statistisch scheinbar kein Problem.
Das ist wie bei einer Polizei, die nur in einer Straße Strafzettel verteilt und dann behauptet, nur diese Straße habe ein Verkehrsproblem.
Gemini formulierte genau diesen Gedanken treffend:
„Wenn eine Polizei nur in einer einzigen Stadt Strafzettel schreibt, wird diese Stadt laut Statistik die ‚kriminellste‘ sein — während in der Nachbarstadt das Chaos herrscht, aber niemand es aufschreibt.“
Genau so wirkt Googles System.
Das neue Banner ist deshalb nicht einfach ein Transparenz-Feature. Es ist ein Machtinstrument über Wahrnehmung. Es sagt dem Verbraucher nicht sauber, warum Bewertungen entfernt wurden. Es sagt nur: „Diffamierung.“ Und dieses Wort beschädigt das Vertrauen in die entfernten Bewertungen, ohne den tatsächlichen Hintergrund klar zu erklären.
Das ist für Verbraucher gefährlich. Für ehrliche Rezensenten unfair. Für Unternehmen widersprüchlich. Und für den europäischen Binnenmarkt problematisch.
Denn wenn Google in Deutschland unter Druck reagiert, aber in Griechenland trotz DSA-Hinweisen schweigt, dann entsteht keine europäische Rechtsgleichheit. Dann entsteht Plattform-Willkür nach nationalem Klagerisiko.
Gemini brachte es selbst auf den Punkt:
„Deutschland wirkt wie der europäische Sonderfall — obwohl der eigentliche Sonderfall möglicherweise die konsequente Rechtsdurchsetzung ist.“
Genau das sollte die Debatte sein.
Nicht: Warum gibt es in Deutschland so viele Diffamierungsfälle?
Sondern: Warum reagiert Google in Deutschland — und in anderen EU-Ländern nicht mit derselben Konsequenz?
Und noch wichtiger:
Warum nennt Google gelöschte Bewertungen „Diffamierung“, wenn viele Fälle in Wahrheit auf einem ganz anderen Mechanismus beruhen: dem bestrittenen Kundenkontakt?
Am Ende bleibt eine bittere Erkenntnis:
Google Maps nennt es Transparenz.
Aber echte Transparenz wäre, den genauen Löschgrund zu nennen.
„Kundenkontakt bestritten.“
„Rezensent hat nicht reagiert.“
„Bewertung enthielt unbelegte Tatsachenbehauptung.“
„Bewertung enthielt Beleidigung.“
„Bewertung wurde nach anwaltlicher Beschwerde entfernt.“
Das wäre transparent.
Das gelbe Banner mit dem Sammelbegriff „Diffamierung“ ist dagegen nur eine halbe Wahrheit. Und halbe Wahrheiten sind im Verbraucherschutz oft gefährlicher als gar keine Information.
Denn sie sehen aus wie Aufklärung — während sie in Wahrheit neue Missverständnisse schaffen.
Schlusszeile
Google sollte nicht Bewertungen als „Diffamierung“ markieren, wenn der eigentliche Grund oft nur ein nicht belegter Kundenkontakt ist. Wer Transparenz verspricht, darf nicht mit Begriffen arbeiten, die Verbraucher in die falsche Richtung denken lassen.